grenzwertig atmen

ISBN: 978-3-85333-1

 

 

Bild: copyright by Petra Strohmayer Autor: Carmen Rebecca Lektorat: Nina Schemmerl Verlag: Vehling

 

 

 

Klappentext:

 

Lebst du das richtige Leben?

 

Rebecca weiß, dass sie es nicht lebt, dass sie überhaupt nicht lebt. In jenem Leben, das sich nicht nach ihrem anfühlt, ritzt sie sich daher, um irgendetwas zu spüren. Bis sie eines Tages beschließt zu sterben.

Jahre später erwacht sie aus einem weißen Wachkoma...

 

Diese wahre Geschichte erzählt von einem Leben mit dem Borderline Syndrom. Es schildert selbstverletzendes Handeln, wie das Ritzen als Form der Selbstwahrnehmung, und beschreibt eine Essbrechstörung als Ausweg aus schwarzen Depressionen und der weißen Lethargie des Alltags.

 

Ein teils kritisches, teils träumendes, teils poetisches Werk, das mit Offenheit und Humor den Leser aufrüttelt und involviert: „Wirst du eines Tages, wenn du stirbst, auf dein Leben zurück sehen, oder auf irgendeines?“

 

 

Als Softcover in allen Buchhandlungen erhältlich!!!

(meist auf Bestellung)

 

 

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Inhaltsangabe:

 

Als kleines Mädchen weiß Rebecca bereits ganz genau, dass sie eines Tages Schriftstellerin werden möchte, noch bevor sie überhaupt zu schreiben gelernt hat. In der Schule ist es dann tatsächlich ihre ungewöhnliche Liebe zum geschriebenen Wort, die sie mehr Pausenzeit in der Leseecke verbringen lässt, als spielend auf dem Hof. Doch schließlich sagt man ihr, dass die Schriftstellerei kein Beruf sei von dem man leben könne und sie muss sich für eine Ausbildung entscheiden. Völlig überfordert möchte sie alles und nichts werden, denn alles interessiert sie irgendwie, doch nichts fühlt sich nach derselben Bestimmung an wie die Schriftstellerei.

Da sie sich beim Schriftverkehr die Nähe zu Worten erhofft, entscheidet sie sich für eine Lehre als Bürokauffrau. In dieser Zeit wird ihr Borderline Syndrom zum ersten Mal sichtbar und bleibt doch unerkannt. Um sich in diesem - für sie falschen - Leben noch zu spüren, beginnt sie sich zu ritzen. Rebecca verzweifelt an der Situation, sie hat das Gefühl nicht mehr das aus ihrem Leben machen zu können, was sie damit vorgehabt hat, daher beschließt sie sich das Leben zu nehmen. Doch dann...

Jahre später erwacht sie aus einem weißen Wachkoma der Verdrängung und muss herausfinden, dass sie sich noch immer in derselben Leere und Unerfülltheit ihres Lebens befindet, und zudem eine unbewusste Essstörung entwickelt hat. Rebecca hat Bulimie.

Es folgt eine Zeit des Erwachens und der Bewusstwerdung über die eigene Existenz, die auch den Leser involviert und ihn direkt fragt: Lebst du denn das Leben das du leben möchtest? Lebst du dein Leben?

 

 

 

 

über grenzwertig atmen:

grenzwertig atmen ist kein Tagebuch, noch handelt es sich um eine gewöhnliche Autobiographie, da es keinem sachlich dokumentarischen Lebensbericht entspricht. Durch seine lebendige und poetische Sprache erzählt es vielmehr eine authentische und berührende Geschichte über ein junges, aber bereits bewegtes Leben. grenzwertig atmen ist einerseits eine erschreckende Einladung in eine dunkle Welt die sich dem Leser stellenweise mit schockierender Offenheit zeigt, und zugleich ist es ein philosophisches Wortspiel, das einen dazu ermutigt seine Träume zu suchen um sein Leben zu finden.

 

 

 

Inhaltsverzeichnis:

TEIL I

Schon als Kind weiß Rebecca, sie möchte eines Tages Schriftstellerin werden. Als sie jedoch als Jugendliche einen völlig anderen Weg einschlagen muss, versucht sie sich aus dem falschen Leben zu befreien indem sie sich ritzt.

Kapitel: eins, zwei, drei

 

 

Teil II

Mit 22 Jahren hat sie eine Essstörung entwickelt. Der zweite Teil schildert aus der Perspektive der Betroffenen eine Woche mit der Krankheit Bulimie.

Kapitel: Montag, DIenstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag

 

 

Teil III

Der Weg aus der Krankheit hinaus, und zu sich selber hin, führt Rebecca durch viele Fragen über das Leben hindurch in ein Land voller Sonnenaufgänge.

Kapitel: Wüstenblume, ein schottischer Sommer, erwachte Träume, Rendezvous bei Grabkerzenschein, jetzt jetzt jetzt leben, Tänzer auf Glas, weiße Angst, grenzwertig, Sonnenaufgänge in Schweden

 

 

 

 

 

 

Leseproben:

 

Kindheit:

Es ist etwas ungewöhnlich, dass ich mit vierundzwanzig Jahren bereits meine Geschichte erzähle, denn für gewöhnlich schreiben reifere Menschen rückblickend auf ihr Leben ihre Biografie. Doch ich denke, dass jeder von uns, egal wie alt er ist, eine Geschichte zu erzählen hat – und wahrscheinlich sogar mehrere. Deshalb sollte es auch egal sein, wie alt man ist, um seine Geschichte erzählen zu dürfen. Ich habe eine zu erzählen und meine ist etwas ungewöhnlich, denn eine Zeit lang habe ich gar keine Geschichte gehabt.

Als ich am 27. April 1986 zur Welt komme, gibt mir meine Mama zwei Namen. Auch meinen Brüdern wird sie später zwei Namen geben, und sie sagt uns, dass jeder von uns zwei Namen bekommen habe, damit wir später im Leben eine zweite Chance hätten, falls uns der erste Name eines Tages nicht mehr gefallen würde. Aber ich spüre schon als kleines Mädchen, dass diese zweite Chance eine andere Bedeutung für mich haben würde.

Das kleine Mädchen, das da mit herangezogenen Beinen am Fenster hockt und in die Dunkelheit späht, das bin ich. Ich warte auf Papa. Mama sagt, er sei bei der Arbeit, aber da war er doch erst gestern. Mama sagt, er müsse jeden Tag zur Arbeit. Ich frage, jeden Tag? Sie sagt, jeden Tag, außer Sonntag. Ich frage, wann wieder Sonntag ist. Erst in fünf Tagen. Noch fünf Mal schlafen, dann haben wir Kinder den Papa wieder für uns. Und wann er endlich heim kommt der Papa, frage ich. Bald. Aber bald ist der ganze Tag vorbei, er kann doch nicht so lange in der Firma eingesperrt sein, die können ihn doch nicht so lange festhalten. Es ist freilich Winter, meint die Mama, und da wird es schon früher finster. Trotzdem ist der Tag vorbei. Das sind ja neunhundertundneunundneunzig Stunden am Tag, stöhne ich empört. Mama erklärt mir, dass kein Tag so viele Stunden hat, sondern vierundzwanzig und davon arbeitet Papa höchstens zehn. Für mich ändert das gar nichts, denn für ein Kind sind zehn Stunden eine Ewigkeit. Mindestens eine Milliarde und neunhundertneunundneunzigtausend und einmal unendlich viele Minuten sind das für mich. Es ist schwierig, mir als Kind auszumalen, was Arbeit ist, und weil mir der Gedanke einfach Angst macht, male ich ihn nachtschwarz aus. So wird mein Papa, in meiner kindlichen Vorstellung, von diesem schwarzen Nichts morgens verschluckt und eingesperrt und abends wieder ausgespuckt und freigelassen. Dieses Zeitloch, in dem die Großen tagsüber verschwinden, ist ebenso gespenstisch wie die Dunkelheit der Schlafenszeit und macht mir genauso viel Angst. In diesem Nichts geistert es, gleich wie nachts, und die Geister darin sind Zeitdiebe, die den Erwachsenen kostbare Zeit stehlen, Lebenszeit. Wenn ich erst einmal groß bin, passe ich besser auf meine Zeit auf, die mir der liebe Gott geschenkt hat. Meine Zeit nimmt mir keiner weg, ich hab doch noch so viel vor, bevor ich in den Himmel komme. Zur Arbeit möchte ich nie gehen. Ich habe meine eigenen Pläne hier auf Erden.

...

Jugend:

Man sagt, in einem ständig kranken Körper wohne eine ständig kranke Seele. Und so kommen sie immer wieder, die blauen Flecken. Auch wenn man sie nicht sieht, sie sind trotzdem da. Ich weiß es, weil ich sie spüren kann. Sie sind wohl unter der Haut. Tief unter der Haut, dort, wo man sie nicht sehen kann. Dort, wo die Seele sitzt. Deshalb klagt meine Seele. Tag für Tag. Sie will den Schmerz nicht länger ertragen. Aber niemand hört ihr zu. Ich sage, dass überall Dunkelheit herrscht. Tag für Tag. Und dass ich an jedem Tag Angst in der Dunkelheit habe. Aber niemand glaubt mir. Und ich glaube, dass es niemals mehr Tag wird. Meine Nacht hält schon ewig an. Tag für Tag. Deshalb weine ich nachts. Aber niemand sieht es. Niemand sieht mich, weil ich in dem schwarzen Nichts verschwunden bin. Das Zeitloch verschlingt mich. Tag für Tag. Selbst mittags im Rosengarten ist es nun dunkel geworden. Der Garten schläft. Die Sonne ist fahl und kühl wie das Mondlicht. In ihrem eisweißen Schein, sind alle Rosen schwarz. Ihr Atem ist faulig und liegt schwer in der schwarzen Nachtluft. Nachtfalter und Fledermausflügelschläge. Hier werde ich ganz still. Verkrieche mich unter meiner Decke. Schließe mich wie eine Rose bei Nacht und warte auf die Morgenröte.

...

Keiner glaubt, dass es diesen dunklen Ort in mir gibt. Sie glauben noch nicht einmal meinem Schmerz. Ich bin allein damit, allein mit meinen Fragen. Also versuche ich nicht auf meine Gedanken zu hören. Höre nicht zu, wenn sie sagen, sie wollen hier weg. Doch alles in mir wehrt sich dagegen, hier zu sein. Es fühlt sich so falsch an. Allem in mir widerstrebt es hier zu sein. Meine Seele bäumt sich. Sie will hier weg. Ich will hier weg. Wieso bin ich hier nur so falsch? Ich weiß nicht, wo ich hingehöre. Ich denke, ich gehör nirgends hin. Ich gehöre nicht in diese Welt. Und dann sind da eines Tages diese Klingen in meinen Händen und ich weiß nicht mehr, wie sie dahin gekommen sind, wahrscheinlich habe ich sie mir selbst gekauft, ich weiß es nicht genau, aber jetzt sind die Klingen fast jede Nacht da in meinen Händen und unter meiner Haut. Wenn ich die Klinge ansetze, kratzt sie sich fast selbstständig unter die Haut. Gräbt sich tiefer in den Schmerz. Gegen den Schmerz ritzen. Alle anderen Schmerzen vergehen dabei. Es sind nur feine Ritze, die brennen wie Feuerlinien. Wenn die roten Linien brennen, dann brennt meine dunkle Welt und löst sich in Asche auf. Deshalb suche ich nach ihnen, wie ein Süchtiger seine Sucht. Der rote Schmerz auf der Haut ist so zu meiner Morgenröte geworden, in der ich erwache. Körperlicher Schmerz macht einen wach, dann ist der Schmerz der Seele ganz weit weg, verblasst zu einer Lüge, der sowieso keiner glaubt.

...

Erwachsen:

Wenn man nur seine Stimme leiht, bleibt außerdem der Rest irgendwie unbeschäftigt. (Als Telefonistin). Also sitze ich ohne Beschäftigung Zeit ab. Zeit absitzen bedeutet hier die Ewigkeit abzusitzen. Wenn man sich nur auf die Zeit konzentriert, fängt man an sie zu hassen. Zeit, die man hasst, vergeht folternd schleichend, fast so, als ginge sie dazwischen rückwärts, nur um einen zurück zu hassen. Wenn die Blicke an den Zeigern festhalten, halten sie die Zeit an, denn das Gewicht der Augen macht den Sekundenzeiger schwer. Während des Wartens kann man nichts tun, man kann aber nicht nichts denken. Also sind da nur meine Gedanken, und die drehen sich im Kreis wie die Uhr, nur sehr viel schneller. Deshalb sperre ich meinen Verstand dort oft weg, hinter dem Uhrglas, in dem alles still steht. Dann ist da in mir Vakuum und Stillstand. Ich zähle solange die komalangsamen Sekunden, bis ich im weißen Raum verschwunden bin. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiund… Das sterile Weiß wirkt wie eine Narkose und anästhesiert mich. Der weiße Raum ist zu meinem Wachkoma geworden. Wenn du in meinem Wachkoma bist, wird alles strahlend weiß um dich. Du bist in dem sterilen Raum mit den weißen Wänden. Er schließt dich ein. Da sind nur weiße Wände, ein weißer Boden, eine weiße Zimmerdecke, ein weißer Stuhl, ein weißer Tisch, ein weißes Fenster mit schneeweißer Aussicht. Alles weiß um dich herum. Es färbt deine Gedanken komaweiß und macht sie stumm. Die Narkose betäubt deinen Verstand, deine Sinne und deinen Körper. Du spürst dich nicht. Du rammst ein Möbelstück, du spürst das Holz und dumpf den Schmerz, aber dein Bein spürst du nicht. Dein Herz stockt und du atmest nur noch apathisch die weiße Leere. Hat alles ausgesetzt, befindest du dich in einem Zustand, der Vakuum gleicht. Das Hirn fühlt sich aufgequollen und angeschwollen an in deinem Kopf. Wie viel zu viel Watte, die man in einen Hohlraum gestopft hat. Dein Verstand ist benommen von der Ahnungslosigkeit, die durch ihn hindurch gähnt und ihn betäubt. Er entgleitet in eine unsichtbare Ferne. Alles ist so weit weg, sodass du oft nur das Echo wahrnimmst. In der Zeit, die feststeckt, hörst du immer denselben Satz, und du kannst nicht sagen, wann ihn jemand gesagt hat. Es ist nur das Echo, eines Echos, eines Echos, eines Echos. Die Stimmen sind ganz weit weg. Alles in deinem Kopf fühlt sich flau an und unwirklich. Narkotisiert. Watte im Hirn. Gehirnlähmung. Diese Apartheit lähmt deine Bewegungen und du bewegst dich ganz langsam, wie die Zeit. Du wirst nichtig weiß, löst dich auf in dem Weiß und hörst in ihm auf zu existieren. Du verschwindest einfach in dem weißen Nichts. In meinem apathischen Komadasein verschwinden ganze Tage im weißen Nichts. Ein jeder Tag in dem weißen Raum fühlt sich an, wie in zu viel Watte gepackt. Watte, weil sich alles anfühlt wie durch sie. Sie erstickt mich so lange, bis ich einschlafe. Ein atemloser Schlaf erstickt auch alle Träume. Jemand hat zu viel Watte in meine Welt gestopft. Narkotisierendes Weiß spinnt mich ein. Ich bin über und über voll davon, vollgestopft von dieser Leere. Um mich und in mir ist nichts und viel zu viel davon. Kein Platz, um mich zu bewegen in der Leere. So liege ich wachend im gläsernen Sarg meines Wachkomas. Und in mir und um mich die Watte. Jeder Tag hinterlässt diese lähmende Taubheit auf meinen Gliedern und meinen Sinnen.

...

ein Telefongespräch:

'Sie sprechen mit Rebecca Hammer, was kann ich für Sie tun?' Es klingt anscheinend noch immer zu monoton, denn er beschimpft mich als eine scheiß Telefonschleife, die bei dieser Arschfirma endlos laufe. Dort hebt auch nie jemand ab, dort arbeiten ja nur lauter Beklopfte, schei… 'Bitteschön, sie sprechen bereits mit einer Mitarbeiterin', mit größter Anstrengung und unter Schmerzen versuche ich so laut wie möglich zu sprechen, um auf mich aufmerksam zu machen.

'Oh, hallo. Verbinden Sie mich mit dem Herrn'

'Entschuldigung, könnten Sie mir bitte den Namen nennen'

'Wieso ich? Sie müssen doch die Namen ihrer Mitarbeiter kennen' 'Wenn Sie mir bitte den Namen …'

'Den Namen müssen Sie doch wissen. Sie sind doch die Telefonvermittlung!'

Ich stammle etwas verzweifelt, es tue mir sehr leid, aber ich wisse nicht, wen er sprechen möchte. Es ist ein hässliches Gefühl so erniedrigt zu werden, wenn man sich bereits demütig klein fühlt, weil die Krankheit einen niederschlägt. Da wettert er noch: 'Was sind Sie für eine Vermittlung?!'

Aufgelegt. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiund… Ich will hier weg. Jetzt. Jetzt. Jetzt. Aber jetzt läutet es nur wieder. 'Firma Fahrtwind, guten Tag, willkommen bei der Motorsgruppe, Sie sprechen mit Rebecca Hammer, was kann ich für Sie tun?' 'Scheiß Telefonband' 'Ich bin kein Telefonband', sage ich ebenso monoton wie eines. Ich lasse den Telefonhörer über dem Mülleimer baumeln und lausche seiner aufgebrachten Stimme über das Headset. 'Spreche ich mit einem Menschen? Na endlich habe ich da mal jemanden dran, jetzt sage ich Ihnen endlich einmal etwas …', und dann fängt er an zu toben und mich dabei zu beschimpfen. Ich schalte um und verbinde seine Stimme mit dem Telefonhörer, den ich genüsslich in den Mülleimer abseile. So kann der Kunde seinen Müll dort abladen, wo er hingehört. Ich lausche einem leisen Ministimmchen, das außer sich, leere Kaffeebecher, Bananenschalen und Joghurtbecher anschreit. Er ist nicht der erste Müllflüsterer, einige meiner Kunden leiden leider an verbaler Bulimie. Wenn ich denke, dass er sich alles von der Seele geschrien hat, fische ich den Telefonhörer noch einmal vorsichtig aus dem Eimer und lausche. '…löcher und Sche…' Nein, wohl eher nicht. So seile ich den Hörer wieder schelmisch grinsend ab und er darf sein ganz persönliches Telefongespräch mit dem Joghurtbecher weiterführen. '… Sie sind die unqualifizierteste Telefonistin, die ich …', schreit er den Becher an. Damit wird der Joghurtbecher wohl leben müssen, denke ich mir. Als es langsam still wird im Müll, schalte ich die Stimme zurück in mein Ohr. '… jetzt habe ich es Ihnen endlich einmal gesagt', beendet er seinen sprachwissenschaftlichen Ausflug in die Tiefenregionen des deutschen Wortschatzes. Der Kunde hat wie immer auch völlig Recht und ich stimme ihm einfach zu, zu was auch immer. Nach einem erhellenden Moment im peinlichen Schweigen, beginnt der Kunde sich zu entschuldigen. Es tue ihm so leid. 'Jetzt habe ich meinen ganzen Ärger bei Ihnen ausgelassen. Sie können doch gar nichts dafür. Immer trifft es die Telefonistinnen. Eine undankbare Arbeit haben Sie und dabei können Sie weder etwas für meine Misere, noch können Sie etwas daran ändern. Aber Sie sind die Erste, die man zu sprechen bekommt. Der ganze Tag hat es schon in sich gehabt und nun auch das noch, das hat mir irgendwie den Rest gegeben. Es tut mir sehr leid. Danke, dass Sie sich alles angehört haben' Danken Sie nicht mir, danken Sie dem Joghurtbecher, denke ich.

 

...

Das ist es, was ich tue, ich esse allen Geschmack auf, esse, bis nichts mehr schmeckt. So verbrauche ich verschwenderisch allen Geschmack, den ich finden kann. Bade mich im Geschmack, in den Farben, im Leben. Ich esse so lange, bis das Salz schal wird. Solange, bis ich den letzten Tropfen Geschmack, den letzten Klecks Farbe und den letzten Hauch Leben verschlungen habe. Nachdem ich das weiße Nichts zugeschüttet und aufgefüllt habe, bleibt nun dieses bleiern schwere Völlegefühl. Ein Druck im Kopf. Ein Druck im Bauch. Ich sehne mir die Leere zurück. Diese Völle erschlägt mich nach einem so unausgefüllten Tag. Ich ertrage sie nicht. Ertrage dieses Kontrastgefühl nicht. Und auch nicht den Gedanken, dieses ganze Fett bei mir zu behalten. Die Vorstellung, dabei selbst fett zu werden, löst eine hysterische Phobie in mir aus. Ein Luftballon, den man mit Steinen gefüllt hat. Ich sinke. Sinke zu Boden vor dem Klo. Ich übergebe dieses Gefühl einfach. Es geht schnell, lautlos, routiniert und ich spüre es kaum. Nur schmecke ich es nun. Erst jetzt graut es mir und reckt es mich von der Menge und den zu vielen Geschmäckern, die so gar nicht harmonieren. Sie stechen sich und ihr Geruch sticht auch. All die Farben, die zusammen nur noch diesen einen braunen Brei ergeben. All das verschwendete Leben in der Kloschlüssel. All die Last, meine Schuld, meine verdrängte Krankheit und mein stilles Geheimnis, all die ausgestopfte Leere, alles spurlos weggespült. Der saure Geruch der ätzenden Magenflüssigkeiten, er sticht wie Fäulnis in der Nase. Schmeckt gallenbitter im Rachen und kriecht durch den Hals bis in den flatterigen Magen. Ich versuche den Gestank mit dem blumigen Parfum – einem Geburtstagsgeschenk, und dabei mag ich keine blumigen Düfte – zu überdecken, doch der zersetzende Geruch lässt das Blumenbukett welken. Keine Nase ertastet das stechende Aroma, sie werden im starken Blumenduft versinken. Nur an und in mir bleibt es haften, das beißende Odeur. Zeige- und Mittelfinger riechen nach Galle und ich lasse die Seife einige Minuten lang einwirken, um die Ätze zu lösen. Immer wenn ich dieses geheimnishütende Parfum rieche, wird mir dabei flau im Magen, als faule der prächtige Blumenstrauß. Das Brechen ist ausbrechen. Ausbrechen beim gesellschaftswidrigen Essen, dem betäubenden Alltag entkommen.

...

 

'Erzähl mir davon, wie es sich anfühlt, himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt zu sein' 'Es ist, als würden wir vom Himmel baumeln mit Stricken um unsere Hälse, doch wir fühlen uns schwerelos dabei. Als tragen wir den Kopf in den Wolken, die Zehen zappeln in der Luft. Und von Zeit zu Zeit zieht die Schwermut uns nach unten. Dann ziehen sich die Schlingen enger um unsere Hälse und der Himmel wird schwarz. Wenn unsere Zehen dann den Boden berühren, fühlt es sich nach sterben an. Wir sind wohl geboren mit dem Selbstmord in unseren Genen' Klingt sehr melancholisch, meint sie. So fühlt es sich auch an, meine ich. Omi sagt oft, ich sei wie sie, eben himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt. Manchmal erzählt sie mir, dass sie als Teenager auf der Bühne gestanden und die lustigsten Rollen gespielt hat, und dann, aus heiterem Himmel, während der Proben, hat sie zu weinen begonnen, einfach so, mitten im Lachen. Wir reden nie genau darüber, wie sich die Dunkelheit anfühlt, aber sie weiß es, wie ich mich oft fühle, weil sie es auch immer wieder gefühlt hat. Dann macht mir der dunkle Himmel Angst und ich verliere allen Glauben und alle Hoffnung und so glaube ich an gar nichts mehr. Nicht einmal mehr an mich selbst. Bis ich mich frage, ob es mich überhaupt noch gibt oder ob das alles nur ein böser Traum ist, und ich wünsche mir, ich könnte aufwachen, indem ich einfach sterbe. Manchmal frage ich mich, was ich hier unten überhaupt noch soll. Erinnerst du dich? Davon habe ich dir erzählt. Und manchmal ist alles anders, dann ist alles schneeweiß, steril und gefühlstaub und ich kann mich in dem Weiß nicht wiederfinden. Dann will ich mich einfach nur spüren, spüren, dass ich noch da bin, spüren, dass ich auch wirklich lebe.

...

 

‚Was ist passiert?‘, Alessandro springt auf und schließt mich in seine Umarmung ein. Versteckt mich vor der Welt, die mir eine so große Angst macht. Ich presse meine Handflächen auf den Mund, fast, um mich zu ersticken. Dort, in der Dunkelheit der Umarmung halte ich inne, dort hält alles inne im atemlosen Zustand. Ich möchte sterben. ‚Wieso kann ich nicht einfach nur sterben‘, wispere ich in den schwarzen Baumwollstoff hinein. ‚Vielleicht bist du ein Eskimo‘, Alessandros Stimme grinst. ‚Wieso sollte ich ein Eskimo sein‘, schniefe ich aus der Umarmung hervor. Ich muss an die endlos weißen Weiten denken. Vielleicht bin ich ein Eskimo und ich trage die eisige Leere des Polar in mir, mit so vielen weißen Worten fürs Sterben wie sie für den Schnee haben. ‚Weißt du nicht, dass Eskimos nicht sterben können?‘ ‚Wieso sollten Eskimos nicht sterben können?‘ ‚Na, Eskimos können doch nicht ins Gras beißen‘, erklärt er mir todernst. Ich lächle völlig verweint.